Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. (Hebr 10,24)

In meinen Ohren klingt dieser Satz wie ein Aufruf zur Tat. Irgendwie ist er das ja auch, nur das Ausrufezeichen fehlt noch. Das kleine Wort, welches hier oft mit „anspornen“ übersetzt wird, zeigt sich an anderen Stellen mit einer eher negativen Bedeutung. Dann geht es beispielsweise darum, »zum Zorn« gereizt zu werden. In diesem Kontext könnte man es vielleicht so zuspitzen: Einerseits sollen wir uns umeinander sorgen, andererseits sollen wir uns aber auch wirklich herausfordern. Denn Liebe und gute Werke müssen schon herausspringen, wenn wir als Christen leben.Warum eigentlich?

In meinem ersten Beruf als Programmierer hat mich ein Satz geprägt: »Das Produkt verdient es!« Damit am Ende etwas Gutes herauskommt, dürfen wir uns auch darüber streiten - müssen es sogar. Manchmal ist es nötig, eine Extrarunde zu gehen, weil es im ersten Anlauf einfach nicht zufriedenstellend war. Gott ist kein Produkt. Verdient er es trotzdem, dass wir uns mit aller Kraft für ihn einsetzen?

Auf jeden Fall ermöglicht er es, das ist auch dem Verfasser des Hebräerbriefs wichtig. Und so sind dem obigen Vers auch einige andere vorangestellt. Dadurch verschiebt sich der Fokus: Nur, weil Christus einen neuen Weg eröffnet hat, können wir: Wir können aufeinander achthaben und wir können einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. Gerade dann, wenn wir uns nicht nur als »Bekannte«, sondern als Brüder und Schwestern (Vers 19) wahrnehmen. Mit diesem Verständnis können wir uns sogar anspornen lassen, ohne gereizt reagieren zu müssen.

Wer als Kind Geschwister in der Kernfamilie hatte, konnte da bereits intensiv üben. Ob es zu jener Zeit immer gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Als Schwester oder Bruder der Gemeinde darf ich jedenfalls hoffen, dass es die Anderen schon gut mit mir meinen. Wenn meine Geschwister wirklich auf mich achtgeben, dann wird mich ihre Kritik nicht nur in die Krise hinein, sondern auch durch sie hindurchführen. Wie verhalten wir uns, wenn wir uns einmal uneinig sind, wie genau Liebe und gute Werke auszusehen haben? Können wir wirklich so handeln, wie es in Hebräer 10,24 behauptet wird? Wir können es zumindest versuchen und immer wieder einüben.

Vielleicht ist es neben der Heilstat Jesu gerade das, was wiederum zu neuer Liebe und weiteren guten Taten anspornt. Sie sind, irgendwie zumindest, Produkte unserer Einstellung und unserer Haltung (einfach produzieren können wir sie dennoch nicht). Sie sind vor allem aber das Resultat einer Dynamik, die sich in Gemeinden entwickeln kann. Gerade weil man sich Familie nicht aussuchen kann, ist es umso wichtiger, dass wir einander gute Geschwister sind. Denn dann wird eines wirklich erfahrbar: Gut, dass wir einander haben…

Pat Richter